Publications · Burda Style
Weißheiten
Allemagne
Décembre 2011
Dagmar Billy
"In der Porzellan Manufaktur Nymphenburg entstehen seit dem 18. Jahrhundert wahre Kostbarkeiten von Hand. Für neue Designs werden regelmäßig Künstler in den Münchner Traditionsbetrieb geladen. So wie Ruth Gurvich, die eine Geschirrkollektion erschuf, die an feinste Papierskulpturen erinnert."
Weißheiten
Weißheiten - Atelierbesuch in Nymphenburg
"In der Porzellan Manufaktur Nymphenburg entstehen seit dem 18. Jahrhundert wahre Kostbarkeiten von Hand. Für neue Designs werden regelmäßig Künstler in den Münchner Traditionsbetrieb geladen. So wie Ruth Gurvich, die eine Geschirrkollektion erschuf, die an feinste Papierskulpturen erinnert.
Das Unperfekte in Perfektion. Vasen, Teller, Tassen, von unregelmäßigen Knicken und Nähten durchzogen, hauchdünn. Wie Papier sehen sie aus. Und doch sind sie alle aus feinstem Porzellan - die Abgüsse der aus Argentinien stammenden und in Paris lebenden Künstlerin Ruth Gurvich.
Soeben wurden sie in der Dreherei der Nymphenburger Porzellan Manufaktur aus der Gipsform genommen und warten nun darauf, gebrannt zu werden. Die zerknitterten Werke wirken ein wenig, als hätte ein Kind versucht, sein eigenes Geschirr zu formen. Wunderbar unperfekt. Ein seltsamer Kontrast zum verschnörkelten Mokkaservice, zur lieblichen Rokokodame oder zum traditionellen Bayerischen Löwen in den Regalen nebenan.
"Und doch ist das scheinbar Improvisierte besonders schwierig", erklärt Ingrid Harding, Leiterin der Produktentwicklung. "Ein Jahr lang haben wir mit unseren Meistern und Handwerkern experimentiert, wie man es schaffen könnte, Ruths Papiersilhouette in Porzellan wiederzugeben."
Wie es schließlich gelang, bleibt natürlich Firmengeheimnis. Geheimnisse und Herausforderungen sind seit über 260 Jahren das Geschäft der Porzellan Manufaktur, die sich direkt neben dem Nymphenburger Schloss in München befindet. Allein die Zusammensetzung der Porzellanmasse wird seit der Gründung des Betriebs im Jahre 1747 unter dem Patronat des Bayerischen Kurfürsten Max III. Josef strengstens gehütet. Die Mixtur aus Kaolin, Quarz und Feldspat wird in einer uralten Mühle zwei Tage und zwei Nächte ununterbrochen gemahlen. Noch heute wird die Mühle wie anno dazumal durch Wasserkraft aus dem Schlossbach bewegt. Über ein das Gelände umspannendes Riemensystem treibt das Wasser die Geräte an: Mühle, Rührbottich, Töpferscheiben.
Zunächst wird die Porzellanmasse durch ein feines Netz gepresst, dann geschmeidig gerührt und in Platten gedrückt. Die Platten kommen nun mehrere Jahre zur Lagerung in den Keller der Manufaktur. Erst danach werden sie in der Dreherei und Formerei weiterverarbeitet. Häufig wird das Porzellan nochmal verflüssigt und in Gipsformen gegossen. Ist die Masse getrocknet, wird sie vorsichtig aus der Form genommen. Nahtstellen, die sich von der Form am Porzellan abgedrückt haben, werden mit feinen Messern entfernt, Zusatzteile wie Henkel extra gegossen und mit flüssigem Porzellan angeklebt.
Nun gehts in den Ofen: Der erste Brand härtet den Rohling bei 950 Grad, danach kommt die Glasurschicht aufs Porzellan. Sie verschmilzt während des zweiten Brands bei bis zu 1400 Grad zu einer glatten harten Oberfläche. Für die Motive, die das Geschirr dann zieren, sitzt anschliessend der Porzellanmaler tagelang gebeugt über einem einzigen Objekt. An den Gurvich-Produkten arbeitet Julius Gräf: Mit speziellem, zusammen mit der Künstlerin entwickeltem Pinselstrich und exakt festgelegten Farben aus dem hauseigenen Labor haucht er zarte Berglandschaften und Wellen auf das Porzellan.
Wer wird sich jetzt noch wundern, warum eine bemalte Kanne von Ruth Gurvich 1800 Euro kostet. In dem Preis stecken die unzähligen Arbeitsstunden und das ganze Können der Nymphenburger Brennmeister, Polierer, Maler und Modellbauer - alle Meister ihres Fachs. Und Übermittler einer wunderbaren alten Kunst."