• Michael Tummings

  • Huntsman I

Michael Tummings

im Interview

Sie haben mit „Huntsman I“ eine Jagdfigurine für die Porzellan Manufaktur Nymphenburg entworfen. Das hört sich zunächst ungewöhnlich an für einen Briten mit jamaikanischen Wurzeln. Wie kamen Sie dazu, sich mit dem Thema Jagd zu befassen?
Es ging mir zunächst nicht um das Jagen an sich, als ich vor sieben Jahren auf der Suche nach einem neuen Thema für meine Fotografien war. Nach über zwanzig Jahren in Südafrika kehrte ich in meine Heimatstadt London zurück, schlenderte durch die Straßen und nahm begierig alles um mich herum auf. Ich sah Gangs von Jugendlichen aus verschiedenen Teilen der Stadt, die sich gegenseitig bekriegten. Mir fiel auf, dass der Respekt füreinander verschwunden war. Anstatt diese Thematik darzustellen und danach zu fragen, woher dieser Verlust kam, ging es mir eher darum eine Gruppe zu finden, die heute noch Werte repräsentierte, die mir als Jugendlicher vermittelt wurden. Mein Vater war ein einfacher Schneider, hatte aber die Attitüde eines Dandys und Gentlemans. Stolz und Kühnheit sind Teil der westkaribischen Kultur, mit der ich aufgewachsen bin. Eines Abends wurde ich einer Jagdgesellschaft vorgestellt – da nahm alles seinen Anfang.

Was fasziniert Sie am Thema Jagd?
Meine Neugier galt einer Gruppe von Menschen, die inmitten dieser hektischen nervösen Zeit einer zeitlosen Haltung folgt: traditionell, naturverbunden, rituell, emotional, familiär, kommunal, archaisch, dem Augenblick verhaftet. Es ist der Anthropologe in mir, der tiefer graben und verstehen möchte, offen und ohne zu urteilen, was es bedeutet, auf den Pfaden seiner Ahnen zu gehen.

Was war die Ursprungsidee Ihres Projekts?
In allen meinen Projekten geht es immer auch um das Verhältnis von Mensch und Natur. Der Wald hat beispielsweise immer noch eine magische Bedeutung, auch in der modernen Welt, in der digitale Karten und navigatorische Errungenschaften fast jede Ecke ausgeleuchtet haben. Sich, wie der Jäger, in die Natur zu begeben, defragmentiert den lärmigen gesellschaftlichen Code und erlaubt, dass der Kompass des Selbst zurückgesetzt wird. Von der Natur verschlungen, ist man im Wald nicht mehr das Zentrum seiner kleinen beherrschbaren Welt, sondern schrumpft stattdessen zu einem kleinen Bestandteil des chaotischen Ganzen. Es liegt eine Ambivalenz im Wald, ein Spiel von Schöpfung und Zerstörung, von Fressen und Gefressen werden.

Gehen Sie selbst zur Jagd? Oder inwiefern haben Sie sich mit der Thematik auseinander gesetzt?
Nein, ich selbst jage nicht. Ich war bereits lange Zeit Vegetarier, bevor ich meine Jagdexkursionen aufgenommen habe. Jedoch habe ich Jagden begleitet und war gewissermaßen Teil der Gruppe, zum Beispiel als Treiber oder bei der Ausweidung des Tieres. Der Fokus lag nie auf dem Jagen an sich, sondern auf den Menschen, die die Natur lieben und viel Zeit draußen verbringen.

Sie arbeiten als künstlerischer Fotograf. Wie kamen Sie zu der Idee erstmalig ein dreidimensionales Werk zu schaffen?
Als ich die Fotografien für meine Publikation „Hidden“ zusammenstellte, erschien mit das Ganze so eindimensional, durch das langwierige Layouten am Rechner. Es lag eine längere Zeit zwischen den Aufnahmen und der Gestaltung des Buches. Außerdem schrieb ich einen Essay über meine fotografischen Arbeiten. Das Gestalten der Skulptur „Huntsman I“ war ein schöner Weg, Szenarien zusammenzuführen und sich der Ursprungsidee des Projekts nochmal von einer neuen Seite zu nähern.

Wie fiel die Wahl auf den Werkstoff Porzellan?
Für mich hat Nymphenburg Porzellan eine besondere Qualität, etwas sehr Reines. Als ich mich in Jagdkreisen aufhielt, erschloss sich mir ein tieferer Zugang zu den Ritualen der Jagd. Für mich liegt dem Ritual an sich etwas Unschuldiges zu Grunde. Das Porzellan ermöglicht es mir, diese Qualität der Reinheit herauszuarbeiten. Ich habe mich in den letzten sechs bis sieben Jahren intensiv mit den starken Charakteren der Jäger beschäftigt. Die Umsetzung der Figurine war eine besondere Herausforderung, da die heutige Gesellschaft Jagen als barbarisch und grausam betrachtet. Es ist, als würde der Jagd ein seltsames Stigma anhaften.

Liegt der Figurine eine reale Person zu Grunde, im Sinne eines Portraits, oder ist es viel mehr als Versinnbildlichung eines Jägers zu verstehen?
Ursprünglich fing ich mit einer Figur an, die für mich den perfekten Jäger versinnbildlicht. In der Figurine verschmelzen jedoch meine Eindrücke, die ich während meiner Zeit mit der Jagdgesellschaft gesammelt habe, miteinander. Die Haltung dieser Figur steht stellvertretend für eine größere Gruppe. Für den Stolz, den Ernst, die Eigenheiten...

Wie war es für Sie, als Sie ihr wichtigstes Instrument, die Kamera, beiseite gelegt haben, um sich erstmals einer figürlichen Arbeit zu widmen? Hat sich dadurch Ihr Blick auf das Sujet geändert?
Das Sujet wurde lebendiger für mich. Die Kamera friert immer nur einen kurzen Moment ein. Man begibt sich in eine lebhafte Umgebung und stoppt jegliche Handlung, indem man den Auslöser drückt. Es bleibt ein singulärer, losgelöster Moment. Die Kamera beiseite zu legen und mein Blickfeld zu erweitern, hilft mir die Dynamik zu erfassen. Wenn ich ein Bild mache, ist dieses stets durch vier Ecken begrenzt, was in der Natur des Mediums liegt. Durch die figurative Arbeit fühlt es sich für mich an, als würde ich in die reale Welt zurückkehren und der Figur eine Seele geben. Gleichsam eines Schauspiels meiner Gedanken, versetze ich mich in die Situation, wenn ich die Falten, ein Bein oder ein schattiges Detail betrachte. Die Vielschichtigkeit eines Charakters lässt sich so leichter erfassen.

Die limitierte Edition wurde gemeinsam mit den Experten in den Meisterwerkstätten in Porzellan transformiert. Gab es besondere Herausforderungen bei der Produktentwicklung?
Es gab viele Herausforderungen. Für mich war es vor allem, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben mit Porzellan arbeitete. Jeden Tag passierte etwas neues Unvorhergesehenes; es war ein großer Lernprozess. Die Experten von Nymphenburg ließen mir künstlerische Freiheit beim Entwurf und übersetzten diesen in einem aufwändigen Verfahren in Porzellan. „Huntsman I“ ist eine recht komplexe Figur mit vielen Hinterschneidungen. Besonders schwierig ist es, „leeren Raum“ zu erzeugen, wie zum Beispiel den Zwischenraum von Jacke und Körper des Jägers. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Der Modellmeister musste eine Gipsform mit 57 Keilstücken machen, um dies zu realisieren. Aber der Aufwand hat sich gelohnt.

Hat sich Ihr Bezug zu Porzellan durch die Arbeit vor Ort in Nymphenburg verändert? Hat es jetzt eine andere Bedeutung für Sie als zuvor?
Wenn man bedenkt, dass wir in einer Zeit des technischen Wandels leben, bedeutet die Wahl des Werkstoffs Porzellan für mich eine bewusste Entscheidung für einen ursprünglichen Werkstoff. Das Material hat etwas sehr Natürliches gewissermaßen Erdverbundenes, dank seiner Zusammensetzung aus Mineralien. Für mich hat es etwas Magisches, dass jede einzelne Figur einen individuellen Ausdruck hat. Bei der einen Figur scheint die Bewegung, als würde sie schleichen, bei einer anderen ist es ein kraftvolles Wandern.

Wenn Sie jetzt eine Kamera in die Hand nehmen und fotografieren, inwiefern hat sich Ihre Arbeitsweise verändert nach der intensiven Schaffenszeit vor Ort in Nymphenburg?
Vielleicht kann man es so sagen, meinen Werken wohnt eine tiefere Ruhe inne als zuvor. In Nymphenburg bekommt das Zeitlose eine besondere Qualität. Aber Geduld habe ich auch schon gelernt, als ich in der Gruppe drei Stunden im Wald saß, bis ein Ast knackte und plötzlich oohh...


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