• Ruth Gurvich

  • Service Lightscape

    Porzellan biskuit, innen glasiert

  • Service Lightscape Épure

    Porzellan biskuit, innen glasiert, handbemalt

Ruth Gurvich

im Interview

Frau Gurvich, Sie sind berühmt für Ihre Arbeiten mit Papier. Was fasziniert Sie an Porzellan?
Für mich ist es immer wieder ein Wunder, wie in der Porzellan Manufaktur Nymphenburg rein von Hand Porzellan gefertigt wird. Wie aufwendig der Prozess ist und wie alt diese Kunst ist. Sie hat auch etwas Magisches. Wenn Sie in einen Brennofen schauen, wo Temperaturen von bis zu 1.400 Grad herrschen, sehen Sie nur rotes Feuer, Glut. Die Modelle glühen, sie gehen buchstäblich durchs Feuer und verwandeln sich dabei in diese wundervollen, weißen Objekte. Darüber hinaus haben Porzellan und Papier mehr Gemeinsamkeiten als Sie denken.

Worin liegen die Gemeinsamkeiten?
Das Leichte, die Farbe. Ihre Transparenz, sie haben die gleiche Textur. Scheinbar sind die beiden Stoffe sehr fragil, man hat jedoch intakte Service und Vasen aus Porzellan auf dem Meeresboden gefunden. In den Museen ist Papyrus aus dem alten Ägypten ausgestellt. In Japan hat Papier eine lange Tradition als Werkstoff, dort baut man sogar Möbel und Häuser aus Papier.

Wie entstand die Idee für die Kollektion?
Porzellan interessierte mich schon länger. Auf früheren Malereien von mir finden Sie Motive chinesischer Porzellanmalerei. Es dauerte bis 2008 bis ich anfing, mit Nymphenburg an einer Umsetzung zu arbeiten. Die Transformation von Papier zu Porzellan ist ja eine sehr diffizile Angelegenheit. Mit Nymphenburg stimmte die Chemie sofort.

Wie lässt sich Papier in Porzellan übersetzen?
Oh, das ist natürlich ein Stück weit Betriebsgeheimnis. Nur so viel: Es waren viele Versuche und Gespräche mit der Produktentwicklung in Nymphenburg nötig. Wir mussten bei der Herstellung ganz neue Wege gehen. Die Idee war ja immer, den papiernen Charakter der Modelle so genau wie möglich zu übersetzen, bis hin zur Haptik. Ja mehr noch, ich wollte, dass man den Konstruktionsprozess und die Struktur sieht. Die Schnitte und Klebestellen, die Knicke und Wölbungen, bis hin zu den Maßen, die ich mit Bleistift auf das Modell schreibe und die jetzt die Idee für die Dekorbemalung lieferten.

Wie war die Zusammenarbeit mit Nymphenburg?
Als die Former meine Papiermodelle zum ersten Mal gesehen haben, waren sie sehr überrascht. Sie hatten bis dahin nur mit festen Modellen gearbeitet. Am Ende haben wir es aber hingekriegt. Nymphenburg hat immer schon mit Künstlern zusammengearbeitet. Sie sind also gewohnt, Probleme zu lösen und sich auf neue Projekte einzustellen. Diese Offenheit und der Respekt Künstlern gegenüber waren beeindruckend.

Konnten Sie auch etwas für Ihre eigene Arbeit mitnehmen?
Bevor ich mit Nymphenburg zusammenkam, war ich ein Einzelkämpfer. Hier habe ich gelernt, wie man seine eigenen Vorstellungen anderen verständlich macht, wie man als Team arbeitet, um etwas Neues zu erschaffen, etwas, das man mit anderen teilen kann, das benutzt werden kann. Mit Nymphenburg zusammenzuarbeiten, ist für mich noch aus einem anderen Grund reizvoll: Papiermodelle, die hier in Porzellan übersetzt werden, haben eine ganz eigene, würdevolle Präsenz. Die Stücke können benutzt werden von anderen Menschen, sie bekommen eine soziale Dimension. Das ist doch das Beste, was meiner Kunst passieren kann.

Wie sieht Ihr Alltag im Atelier aus? Wie arbeiten Sie?
Bei mir beginnt alles mit der Form. Ich beginne ganz von vorne, mit ersten Skizzen. Dann mache ich einen Konstruktionsplan, wie ein Designer, wenn er einen Stuhl entwirft oder ein Architekt, der ein Haus zeichnet. Das musste ich mir erst beibringen, meine ersten Papierarbeiten waren noch sehr unbeholfen. Die Schwierigkeit besteht darin, der Idee die räumliche Form zu geben. Es gibt Zeiten, da widme ich mich ausschließlich der Malerei und dann gibt es Zeiten, da entwickle ich Formen.

Wann wussten Sie, dass Sie Künstler werden wollen?
Meine Eltern nahmen mich immer mit ins Museum, schon als ich noch klein war. Ich erinnere mich an einen Besuch einer Pop-Art Ausstellung im Sommer, wo ich ein riesiges Auge sah. Dieses Auge hat mich so fasziniert, dass ich es noch heute vor mir sehe, als sei es gestern gewesen. Und ich erinnere mich an einen Film, der in einem Museum spielte mit lauter Pop-Art Künstlern an der Wand und einer Skulptur eines großen Hot Dogs in der Kulisse, wie beispielsweise von Claes Oldenburg. Das hat mich so sehr fasziniert, dass ich auch selbst Kunst machen wollte.

Warum wollten Sie nicht Architektin werden?
Das Architekturstudium hielt ich nur zweieinhalb Jahre durch, dann brach ich ab. Das technische Zeichnen, die Struktur eines Gebäudes, das war alles nichts für mich. Wo müssen Kabel verlegt werden, wo kommt das Klo hin? Diese Fakten waren uninteressant für mich. Ich bin dann auf die Kunstakademie gewechselt. Das Interesse für Perspektive und Dreidimensionalität allerdings ist mir geblieben. Ja, wenn ich ehrlich bin, ist für mich heute all das wichtig, was mir damals mein Architekturstudium so verleidet hat: Sauberkeit, Präzision. Bei meinen Modellen geht es ja manchmal um halbe Millimeter, wie bei Lightscape. Ich benutze auch immer noch die gleichen Werkzeuge wie damals: Cutter, Bleistifte, Schere, Zirkel und wasserlöslichen Klebstoff, ganz einfach, wie in der Schule, und natürlich Papier.

1987 verließen Sie Ihre Heimat Argentinien und gingen nach Paris, wo Sie noch heute leben und arbeiten. War das damals ein großer Kulturschock für Sie?
Eigentlich nicht. Für mich war es eine Befreiung. Ich habe mir als junges Mädchen oft gedacht: Warum bin ich bloß in Argentinien auf die Welt gekommen, so weit weg von allem, was ich bewundere? Damals gab es in Cordoba keine Museen, was sich glücklicherweise in jüngster Zeit geändert hat. Es war eine andere Zeit, man fühlte sich sehr abgeschnitten, es gab ja noch kein Internet. Ich wollte immer nach Europa, dorthin, wo die Wurzeln der modernen Kunst liegen. Der Impressionismus, der Expressionismus, der Kubismus. Und es gab all die bedeutenden Museen, wo man die ganze Weltkunst der Antike fand. Die Mode kam aus Europa.

Was inspiriert Sie?
Ich gehe viel in Museen, sehe mir viel Kunst an. Ich stöbere auch gerne in Antik- und Trödelläden. Ich muss dort gar nichts einkaufen, die Dinge dort erzählen ja immer eine Geschichte. Selbst Möbel wie Stühle. Ich liebe Stühle, mich interessiert, wie sie konstruiert sind. Ich habe viele zu Hause, das ist ein kleines Laster von mir: Stühle sammeln. Seit ich hier bin, fasziniert mich auch die europäische Porzellankunst, die Porzellanmalerei, speziell in Nymphenburg: Jede Epoche hat ihren Stil Landschaften, Blumen oder Tiere zu malen. Porzellankunst war so weit weg von meiner Kultur, das hat sie so anziehend für mich gemacht.

Gibt es Künstler, die Sie bewundern?
Oh, viele – es fällt mir schwer, nur einzelne Namen zu nennen. David Hockney und all die anderen britischen Maler der 70er Jahre, weil sie begannen, sich von der Leinwand zu lösen, mit Objekten zu arbeiten, weil sie Bilder anders komponierten und aufbauten. Wie die Arbeiten von Donald Judd und Anish Kapoor. Kiki Smith, die auch mit Nymphenburg zusammenarbeitet. Ich bewundere all diese Künstler und doch geht es mir um etwas anderes. Meine Arbeiten erschließen sich nicht auf den ersten Blick, sie sind nicht auf Wirkung oder schnelle Effekte aus. Mir geht es um Kontemplation, ums Nachdenken über Design und Kunst. Vor einem Rothko können Sie Stunden verbringen. Ich fühle mich keinen Moden und Strömungen zugehörig, ich habe einen universellen, zeitlosen Anspruch.


Ruth Gurvich Biografie.