Ted Muehling

im Interview

Herr Muehling, wie sind Sie damals auf die Porzellan Manufaktur Nymphenburg aufmerksam geworden? Wie ist die Zusammenarbeit zustande gekommen?
1999 lernte ich den Leiter der Porzellan Manufaktur Nymphenburg, Baron Egbert von Maltzahn, kennen und er bot mir einen Rundgang durch die Meisterwerkstätten an. Die ruhige, helle Atmosphäre der Ateliers in Nymphenburg war einfach bezaubernd. Ich fand es schwer zu glauben, dass es noch solche Geschicklichkeit und handwerkliches Talent gibt, um solche komplizierten und exquisiten Formen herzustellen. Obwohl meine Arbeiten in erster Linie aus Metall bestehen und Entwurf und Herstellung von Schmuck und dekorativen Stücken für den Tisch umfassen, gehört zu meiner Ausbildung ebenfalls ein Abschluss in Industriedesign. Daher besaß ich eine gewisse Grundlage im Bereich der Produktion mit Ton. Ich habe andere Materialien wie Glas und Holz eingesetzt, hatte aber nie die Gelegenheit, mit Porzellan zu arbeiten, bis ich für Nymphenburg entwarf.

Wie war es für Sie, wieder in die Meisterwerkstätten von Nymphenburg zurückzukehren, ein Jahrzehnt nachdem Sie unter anderem das Service Weiße Koralle und die Meereskollektion entworfen haben?
Meine Arbeit mit Nymphenburg war immer schon ein Kontinuum. In den Anfangsjahren habe ich an vielen verschiedenen Stücken gearbeitet. Die Einladung vor gut einem Jahr, die Zusammenarbeit nun fortzusetzen, war eine willkommene Überraschung. Es ist ein außerordentliches Privileg, mit dieser Firma zu arbeiten.

Was sind die Besonderheiten in der Zusammenarbeit mit Nymphenburg?
Bei Nymphenburg zu arbeiten, ist eine Herausforderung für jemanden, der in modernem, rationalem Design ausgebildet ist. Dies ist nicht der Ort, rein funktionales Geschirr zu machen. Nymphenburg ist ein einzigartiger Ort, der zum Träumen anregt. Lassen Sie die Fabriken mit ihrer Massenproduktion das Vernünftige und Normale herstellen. Dies ist ein Ort für das Außergewöhnliche und Exquisite, für feinste Qualität in der Gestaltung und Fertigung. Ein Designer hat eine Verantwortung, sein Talent und seine Fähigkeiten zu nutzen, die hier gepflegt und gefördert werden. Wenn man diese Qualität erlebt, aus einer unglaublich dünnen Wersin Teetasse trinkt oder eine fein gemalte Landschaft unter einem Kuchenstück entdeckt, ist dies eine besondere Erfahrung und alles schmeckt besser.

Sie lassen sich bei Ihren Entwürfen durch die Natur inspirieren. Suchen Sie in der Natur den Ausgleich zum hektischen Leben in der Großstadt New York?
Ich war schon immer fasziniert von natürlichen Formen. Seit meiner Kindheit habe ich Zeit in Wäldern und an Küsten verbracht. Ich verlasse nie den Strand, ohne einen Schatz in meiner Tasche zu haben. Ich habe mein ganzes Leben lang Dinge gemacht und es gibt eine kontinuierliche Reihe an Formen, von Eiern bis hin zu Schalen, Blättern und Zweigen. Meine Absicht ist nicht, diese Objekte zu replizieren, sondern einige ihrer wesentlichen Qualitäten zu erfassen. Durch Vereinfachung, Abstraktion und Erstellen von Formen in verschiedenen Materialien ist es manchmal möglich, beim Betrachter eine Stimmung zu suggerieren. Durch die Interpretation des Bekannten auf ungewohnte Weise oder über unerwartete Materialien kann man Bewusstsein erhöhen. Durch die Umsetzung der eleganten Spirale einer Muschel oder die haptische Oberfläche von Korallen in Porzellan kann man die Erfahrung erneut erleben. Die Schönheit wird wieder sichtbar. Porzellan ist eine Substanz, die perfekt dazu geeignet ist, die verkalkten Formen eines Vogeleis oder einer gebleichten Muschel an einem Strand zu interpretieren. Eines meiner Ziele bei Nymphenburg ist, die historischen Stücke zu respektieren und mit ihnen zu fühlen. Eine aufwendig detaillierte Figur von Bustelli neben die glatte ovale Form einer Eivase zu stellen, betont beide.

Sie haben Industriedesign am Pratt Institute in New York studiert. Was schätzen Sie als Industriedesigner besonders an Handarbeit?
Obwohl Technologie ein großartiges Werkzeug ist, einschließlich Computer und Digitaldruck, gibt es Überraschungen und Eigenheiten, die sehr menschlich sind, die nur auftreten, wenn man direkt mit dem Material arbeitet. Man könnte es Seele, etwas Immaterielles nennen. Es gibt sehr wenige Werkstätten, die die mühsamen Schritte durchführen, die Nymphenburg benötigt, um ein Stück zu verwirklichen. Massenproduktion und technologisch fortschrittliche Fertigung hat eine wichtige Funktion in unserer Welt, aber es ist nicht das, worum es bei Nymphenburg geht.

Bereits bei früheren Arbeiten für die Porzellan Manufaktur Nymphenburg haben Sie sich von der Natur inspirieren lassen. Wo haben Sie für Ihre neuen Objekte Anregungen gefunden? Welche Rolle spielt die Gestaltung der Oberfläche bei Ihren neuen Entwürfen?
Schildkröten mit Ihren majestätischen Panzern sind alte überlebende, interessante Kuriositäten in unserer Welt. Ich dachte, dass die Präzision von Biskuitporzellan eine geeignete und schöne Interpretation dieser Formen und Facetten wäre. Das Licht spielt mit der matten Oberfläche und hebt die Konkavitäten an den Flächen hervor. Die meisten dieser Facetten sehen eher zufällig und weniger symmetrisch aus als bei meiner bisherigen Arbeit. Sie sind nicht als genau zu nehmen und legen vielleicht andere Formen und Materialien nahe, wie etwa Schnee oder Eisberge. Besonders die Becher besitzen eine sehr taktile Qualität und scheinen fast auf den Punkten des gewölbten Bodens zu schweben.

Gemeinsam mit den Experten der Produktentwicklung haben Sie in den Meisterwerkstätten Ihre Entwürfe in Porzellan realisiert. Gab es besondere technische Herausforderungen?
Als ich 1999 bei Nymphenburg mit meiner Arbeit begann, hat mir Ingrid Harding, die heute die Produktentwicklung bei Nymphenburg leitet, mit ihrem umfangreichen Wissen zum Thema Porzellan und Ton sehr geholfen, die Hintergründe zu verstehen und Probleme zu lösen. Der damalige Geschäftsführer, Herr von Maltzahn, ermunterte mich, zu experimentieren, um die Grenzen und Möglichkeiten des Materials und der Prozesse zu verstehen. Ich habe es immer als vorteilhaft empfunden, direkt mit dem Material zu arbeiten. Ob Metall, Glas oder Ton - es treten im Arbeitsprozess immer glückliche Zufälle und unerwartete Dinge auf. Da ich nicht die Fähigkeit hatte, mit Porzellan umzugehen, ein bekanntlich schwieriges Material, musste ich eng mit den Kunsthandwerkern in der Manufaktur zusammenarbeiten, um meine Ideen umsetzen zu können. Die Kunsthandwerker bei Nymphenburg sind einmalig. Ton ist elementar, wie auch Metall und Glas und er sagt einem, was man tun kann. Nach dem mühsamen Prozess des Gestaltens, Formens und des Erhitzens auf gefährlich hohe Temperaturen belohnt das Porzellan den Künstler mit einer extrem starken aber dünnen und durchscheinenden Schönheit. Es schrumpft beim Erhitzen um 17 Prozent und erzeugt ein noch zarteres und präziseres Produkt.

Gibt es Künstler oder Designer, die Ihnen als Vorbild dienen?
Es gibt viele Künstler und Designer, die ich bewundere. Ein paar meiner Helden sind - Tappio Wirkala aus Finnland, der mit jedem Material gearbeitet hat - Henning Koppel, der außergewöhnliches Silber für Georg Jensen kreiert hat - Constantin Brancusi für seine exquisiten Formen - Anish Kapoor für seine mächtige, elementare Kunst. Es gibt ein interessantes Zitat von der berühmten Performance Künstlerin Laurie Anderson. Sie sagte "Ich versuche nicht, etwas avantgardistisches zu tun, ich versuche, etwas überraschend Schönes zu tun". Dies schwingt mit mir.

Ist Ihre Wohnung mit Objekten aus der Natur eingerichtet oder haben Sie selbst Objekte aus Nymphenburg Porzellan zu Hause? Und welches ist Ihr persönliches Lieblingsstück, das Sie für Nymphenburg entworfen haben?
Auf das Korallenwindlicht, das ich vor Jahren kreiert habe, bin ich besonders stolz. Es nutzt eine Reihe von für Porzellan endemischen Vorteilen. Für eine Kerze vorgesehen, besitzt es eine dauerhafte Temperaturbeständigkeit in Verbindung mit einer feinen Komplexität und Transluzenz. Durch Hinzufügen feiner Löcher entwickelt es, wenn eine Kerze darin leuchtet, einen Schein, der an den Nachthimmel erinnert. Obwohl es also die Absicht war, eine Korallen-Ähnlichkeit zu erzeugen, besitzt es glücklicherweise eine zusätzliche, unerwartete Qualität in der Dunkelheit. Wir verwenden oft eines beim Abendessen in unserem Haus auf dem Land. Ich bevorzuge allgemein Kerzenlicht aufgrund seines weichen, unregelmäßigen Scheins. Elektrisches Licht ist gut für die Arbeit, aber Kerzenschein ist besser für das Vergnügen. Zu Hause verwenden wir eine Vielzahl an Geschirr. Einiges davon ist Nymphenburg in Weiß und einige Stücke haben wir auf dem Flohmarkt gefunden. Mein Partner Mats ist ein schwedischer Funktionalist, wir halten die Dinge also recht einfach aber von feiner Qualität. Ich mag es, eine Vielzahl von Formen und Größen zu erleben. Unser Tisch kann manchmal schon ein schönes Sammelsurium sein. Wir leben mit vielen Büchern und einer Mischung von alten und neuen, skandinavischen klassischen Möbelstücken sowie mit Fundstücken. Ich neige dazu, Natur, Kunst und Artefakte zu sammeln. Ich habe eine Sammlung von neolithischen Werkzeugen - die erste Form der künstlichen Artefakte und Werkzeuge.

Wo liegt die Zukunft des Werkstoffs Porzellan im Design?
Wie Glas und Metall hat Porzellan eine lange Geschichte. Es ist elementar, und es gibt nichts Vergleichbares, das es ersetzen könnte. Es ist dauerhafter und natürlicher als Kunststoff. Es kommt aus der Erde und geht zurück in die Erde. Es ist ökologisch. Es bleibt eine der großen Entdeckungen der Menschheit. Die sorgfältige Verarbeitung bei Nymphenburg kreiert Schätze, die an zukünftige Generationen weitergegeben werden. Es nimmt eine Stellung ein gegen unsere “Wegwerf” -Kultur.

Ted Muehling Biografie

also interesting