Franck Sorbier

Auch für Nicht-Musiker können Noten zum Schlüsselerlebnis werden. Als der 16-jährige Franck Sorbier eine Veröffentlichung des damaligen Makeup-Kreativdirektors bei Dior, Serge Lutens, sieht, wird ihm sofort klar, was er künstlerisch erreichen will. Lutens hatte für eine Kampagne Versatzstücke von Musik auf den Kopf einer Frau zeichnen lassen. Der 1961 geborene Sorbier sieht die Anzeige und weiß: so will ich arbeiten, genau das will ich in der Modewelt verwirklichen. Und hat von da an eine artistische Vision, deren Wurzeln tief in die Traumwelten des Surrealismus und der Phantastik reichen. Eine Qualität, die sein gesamtes Werk strukturiert, von der Form seiner Entwürfe bis zur Realisierung seiner Präsentationen. Bevor er 1987 mit seiner ersten Kollektion unter eigenem Namen debütiert, hat er schon erfolgreich unter Chantal Thomass und dem Achtziger Jahre-Superstar Thierry Mugler gearbeitet. Sorbiers Kollektionen werden bald von Bergdorf Goodman und Neiman Marcus in New York und Seibu in Tokyo beachtet, auf Einladung von Cartier darf er 1995 im prestigereichen Carrousel du Louvre zeigen und genießt ab dem folgenden Jahr als Mitglied der Fédération Française de la Couture, du Prêt-à-Porter des Couturiers et des Créateurs de Mode bedingungslose Unterstützung von Sonia Rykiel und Jean-Paul Gaultier. Seine dezidiert künstlerisch orientierten Arbeiten tragen ihm bald den Ruf des Artisan Poète der Haute Couture ein, in deren erlesenen Kreis er 2005 offiziell aufgenommen wird. Der Stil des filigranen Manns mit Stutzbart und Brille, der aussieht als sei er einer Zeichnung des New Yorker Exzentrikers Edward Gorey entsprungen, ist einzigartig, was selbst Modeorakel Suzy Menkes von der Herald Tribune feststellt, als sie, avant la lettre 2004, großzügig einen Platz für Sorbier einfordert: „Es wäre traurig, anzunehmen, ein derart seltener und individueller Geist der Mode könnte keine Nische finden.“ So findet man bei Sorbier handbemalte Kleider, fragil dekonstruierte Spitze und Chiffon, wie sie kaum sonst ein Designer einsetzen würde; und niemand außer ihm erweist dabei gleichzeitig so viele gekonnt umgesetzte Referenzen an die Kulturgeschichte. Meist gibt es ein Leitmotiv, und immer fällt Sorbier ein twist dazu ein, den man nicht erwarten würde. So rahmt er seine 2007er Zeit-Kollektion in 25 tableau vivants, in denen Models, modern vor weißem Hintergrund, eine Reflektion auf Sternstunden französischen Stils darstellen: Sei es der Glamour des traditionellen Ski-Mekkas Megève, den er mit Holzschlitten und einer Couture-Version der klassischen Fifties-Pistenhose evoziert, oder das berühmte Foto von Robert Doisneau, das einen verwischten Kuss im Vorübergehen zeigt. Was der innovative Sorbier gleich dazu nutzt, ein absolutes Novum einzuführen: Haute Couture für Männer. Natürlich im Tuxedo oder anderen feierlichen Kleidungsstücken, und dabei eine Zigarette nach der anderen rauchend – très Paris, oder, mit den Worten Sorbiers: „Die Rolle des Schöpfer ist es, Schönheit abzuliefern.“ Wie intelligent Sorbier aber auch mit neuen Medien spielen kann, zeigt er in seiner aktuellen Winterkollektion, für die er, wie im Puppenhaus, elegant gezeichnete Models ausschliesslich im Internet laufen lässt. Kostbare Materialien sind nur noch erzählte Größe. Gewidmet hat er dieses virtuelle Defilee seinen Idolen: Frauen von George Sand über Joan Baez bis zu Golda Meir, die eines vereint – Passion für ihr Tun. Allen voran der spanischen Antifaschistin Dolores Ibárruri, die auch den Slogan der Schau geprägt hat: „No pasaran“: Sie kommen nicht durch. Ein Bezug auf den Luxuswahn seines Metiers? Das sei dahingestellt. Die Schau zur Rezession ist jedenfalls up to date chic, poetisch und das Gegenteil von Verschwendungssucht. Ihre Ingredienzien sind so einfach wie schön: „Papier, Bleistift und Liebe.“

Offizielle Website: http://www.francksorbier.com/

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