Gustavo Lins

Jede Kunstdisziplin wird bereichert von verhinderten Grenzgängern, die außerhalb ihres Metiers wildern. Wie Max Frisch, der erst als gelernter Architekt irgendwann zur Architektur des Ichs und dessen Dekonstruktion in Prosa gefunden hat, transferiert der Brasilianer Gustavo Lins das strukturelle Prinzip des Bauens auf die weichen Stoffe seiner Couture: „Ich habe das sichere Gefühl, dem Geist der Architektur Ausdruck zu verleihen, indem ich ihn auf Kleidung übertrage.“ Den menschlichen T-Träger, der von Wirbelsäule und Schultern geformt wird, macht er, auf den Kopf gestellt, zum Leitmotiv seiner Entwürfe, und folgt damit dem großen Gianfranco Ferré, der als „Architekt der Mode“ in die Geschichte einging. Im Jahr 1961 in Belo Horizonte geboren, studiert Gustavo Lins zunächst in Minais Gerais und Barcelona Architektur. Aber bereits einem seiner Professoren fällt auf, dass seine Leidenschaft anderen Gebieten gilt und fragt ihn: „Herr Lins, mit welchen Materialien arbeiten Sie eigentlich lieber: Glas und Stahl oder Leinen und Seide?“ Als Antwort zieht Gustavo Lins Anfang der Neunziger Jahre nach Paris, um sein Studium zu beenden. Und lernt gleichzeitig als Assistent sein Handwerk in der Modewelt, unter anderem bei den zwei großen Exzentrikern der Pariser Couture-Szene: John Galliano und Jean Paul Gaultier. Was ihn am meisten fasziniert, ist „die Struktur der Umrisse, die Kleider den Menschen geben“. Er geht beim Entwerfen seiner Stücke streng architektonisch vor, indem er von einer zweidimensionalen Skizze zum Volumen findet: „Aus der Entfernung betrachtet, ist ein Kleidungsstück nicht mehr als ein Objekt; getragen am Körper, gewinnt und füllt es Raum. Ich konstruiere Mode, aber es ist die Person mit ihrem Esprit, ihrer Intelligenz und Persönlichkeit, die sie mit Leben füllt und besetzt.“ Lins fällt durch seine außerordentlichen Designs für Louis Vuitton und Kenzo auf, bevor er 2003 mit seinem eigenen Label debutiert: Gustavo Lins, das T in seinem Vornamen steht dabei Kopf, als Markenzeichen. Erkennbares Leitmotiv ist ein strenger Sinn für Geometrie, er liebt asymmetrische Details wie die eine freie Schulter oder zwei schräg ineinander fallende Revers. Stilistisch bewegt er sich dabei im japanisch-asiatischen Raum, seine besondere Vorliebe ist der Kimono und dessen Formensprache. Diese vornehme Zurückhaltung zeigt sich auch im versteckten Erkennungsmerkmal seiner Mode. Nur Eingeweihte erkennen, wer Gustavo Lins trägt; denn ähnlich wie das gestickte Rechteck, das die Stücke von Martin Margiela als subtilen Signifikanten am Rücken tragen, erkennt man einen echten Lins allein an der sichtbaren Naht, die seine Jacken und Hosen zusammenhalten. Das Label selbst ist diskret unter einem Lederdreieck auf der Innenseite versteckt.

Gustavo Lins, der seit 2007 Gastmitglied der Chambre Syndicale de la Haute Couture ist, arbeitet nicht nur gerne mit ungewöhnlichen und exklusiven Materialien wie recyceltem Leder (selbst über Porzellan als Applikation hat er schon nachgedacht), auch sein Blick auf die Mode kommt aus einem überraschenden Augenwinkel. So Lins, der seinen Stil als jetty elegance bezeichnet, über ein Detail, das von vielen Designer gern vergessen wird: „Wir sollten mehr nachdenken, was eigentlich hinter uns geschieht. Die Rückseite eines Kleids ist die Seite, die wir zwar meist nicht sehen, aber der Rest der Welt in dem Moment, da wir uns von ihr abwenden. Es ist die intuitive Seite der Mode.“

Offizielle Website: http://www.gustavolins.com/

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