Vivienne Westwood

„Es ist schwer heutzutage noch Avantgarde zu sein. Die Leute haben sich an alles gewöhnt“, sagt Vivienne Westwood, die Grande Dame der englischen Mode und Erfinderin des Punk-Chic. Und daran dürfte sie nicht ganz unschuldig sein, denn im Gründe lässt sich alles, was in den letzten 35 Jahren an modischer Avantgarde aus England kam, auf ihr Schaffen zurückführen. Ihre Mode ist ein Plädoyer für Individualismus und Haltung, ihre Provokationen nie Selbstzweck, sondern ein Aufbegehren gegen Konformismus und Mittelmaß. Ihre eindrucksvolles Lebenswerk spielt mit Klischees weiblicher Sexualität, vergisst bei diesem Spiel aber nie Tradition und Geschichtsbewusstsein. Vivienne Westwood ist, wenn man so will, eine zutiefst konservative Rebellin.

Geboren wird Vivienne Westwood am 8. April 1941 in Tintwistler nahe Manchester. Sie beginnt ein Studium der Mode und Silberschmiedekunst, bricht aber nach nur einem Semester ab, um eine Lehrerausbildung zu machen. Eine Wendung nimmt ihr Leben, als sie den exzentrischen Kunststudenten Malcolm McLaren trifft, den sie 1967 heiratet. Zusammen eröffnen sie 1971 einen Laden in der Londoner King’s Road 430, schon bald das Epizentrum der britischen Subkultur. Mit ständig wechselnden Namen und Konzepten spüren sie dem Zeitgeist nach und sind ihm dabei mehr als einmal einen Schritt voraus. Als alle Welt lange Haare und Hippiemode trägt, gibt es in ihrem Shop Klassiker der Teds und Rockabillies. Ein Jahr später sind es Rockerklamotten und Fetisch-Accessoires; immer mehr auch von Westwood selbst Geschneidertes mit unfunktionalen Reißverschlüssen und Sicherheitsnadeln und Versatzstücken britischer Ikonografie. All das verschmilzt 1976 zu einem Look, der wie geschaffen scheint für die von McLaren gemanagte Punkband „The Sex Pistols“, die in ihrer kurzen, aber äußerst wirkungsvollen Karriere eine Art Schnittmenge des Powerduos McLaren/Westwood darstellen.

Der Aufstieg zu Englands wichtigster Modeschöpferin gelingt ihr jedoch erst nach ihrer Trennung von McLaren 1983. Ein Jahr zuvor zeigt sie ihre erste Kollektion in Paris, als erste Engländerin nach Mary Quandt. Mit ihrer exzentrischen und erotischen Mode, in die sich nun verstärkt historische Anleihen mischen, nimmt sie vorweg, was Designer wie Jean Paul Gaultier oder Gianni Versace später popularisieren: die ambivalente Eleganz des sexuell Anrüchigen. Ob Kurtisane, wilde Amazone oder höfische Mätresse – die Archetypen weiblicher Erotik werden eines ihrer Leitmotive. Die Erfinderin des Radical Chic, die Queen of Punk, wandelt sich immer mehr zur erfolgreichen Labelchefin und High Fashion-Ekklektizistin. Heute gehört sie zum Inventar des britischen Kulturerbes, so bekannt wie Schottenkaro (das sie immer wieder verwendet) und die Queen (von der sie zweimal die Ritterwürde entgegennahm, einmal fast nackt).

Westwoods Mode hat – dadurch dass sie Gestik und Körperbewegung in ihren Entwürfen mitdenkt – immer etwas Theatralisches. Sie stellt ihre Models auf Plateauabsätze, damit sie anmutiger stolzieren, schnürt sie in Mieder und Korsetts, um ihre Konturen zu schärfen. Es geht ihr um Haltung und Würde, nicht um Bequemlichkeit.

Offizielle Website: http://www.viviennewestwood.com/

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