Justin Lieberman x Manifesta 16 Ruhr
Während eines Arbeitsaufenthalts in der Porzellan Manufaktur Nymphenburg entwickelte Justin Lieberman (*1977, Florida) die keramische Werkgruppe An Engine (Ein Motor) (2026), die nun auf der Manifesta 16 Ruhr zu sehen ist. Die Europäische Nomadische Biennale für zeitgenössische Kunst gastiert alle zwei Jahre an einem anderen Ort und widmet sich den gesellschaftlichen, politischen und ökologischen Fragen unserer Zeit.
Im Zentrum von An Engine stehen keramische Schildkrötenpanzer. Sie sind keine naturgetreuen Nachbildungen, sondern skulpturale Formen, in denen sich Fragen nach Schutz, Verletzlichkeit und Verwandlung verdichten. Ton und Glasur verleihen ihnen eine archaische Präsenz und lassen sie wie Speicher von Zeit und Erfahrung erscheinen. Die Arbeiten bewegen sich zwischen Skulptur und Metapher und eröffnen einen poetischen Blick auf das Spannungsverhältnis von Sichtbarkeit und Rückzug.
Der Künstler zu dem Werk:
"Während der Arbeit an An Engine, 2026 hörte ich eine Sendung über die evolutionären Ursprünge des Kamels in der heutigen kanadischen Hocharktis. Die Geschichte setzte sich in meinem Kopf fest, und ich stellte mir den versteinerten Panzer einer urzeitlichen Schildkröte vor, die vor Hunderten Millionen Jahren den Superkontinent Pangäa bewohnte. Aufgrund der zusammenhängenden Landmasse und der Widerstandsfähigkeit des Tieres konnte sie ein Verbreitungsgebiet erschließen, das sich über die gesamte Längsausdehnung des Kontinents erstreckte. Die Hornschilde ihres Panzers waren kuppelförmig und erinnerten an Kakteen – ein Echo ihrer Wüstenumgebung –, während sich die blau-weiße Färbung aus ihrem Lebensraum in den Polarregionen entwickelte.
Wie konnte ein so seltenes und außergewöhnlich gut erhaltenes Fossil schließlich als dekorativer Brunnen verwendet werden? Das konnte nur das Werk einer ludwigschen Figur sein, deren langer Schatten über der Porzellan Manufaktur Nymphenburg lag, in der ich arbeitete. Das Fossil war von einer Expedition geborgen worden, nachdem es durch das Abschmelzen eines Gletschers freigelegt worden war. Bei ihrer Rückkehr nahm die ludwigsche Figur es an sich und integrierte es in ein „Wasserspiel“, das sie der Kirche großzügig stiftete. Diese nahm es eher aus Pflichtgefühl als aus wirklicher Überzeugung an."
Liebermans multidisziplinäres Schaffen umfasst Malerei, Collage, Assemblage und Keramik. Mit der Aneignung und Transformation von Bildern aus Medien, Werbung und Popkultur hinterfragt er die Mechanismen visueller Kultur und verbindet handwerkliche Präzision mit Humor, Irritation und kritischer Reflexion. Er lebt und arbeitet in München.