The Fairytale Recordings

The Fairytale Recordings

Seit 2004 hatte Saâdane Afif Künstlerinnen, Autoren und andere Wegbegleiter eingeladen, Texte zu seinen Werken zu verfassen. Was zunächst als Experiment begonnen hatte, entwickelte sich zu einem grundlegenden Prinzip seiner künstlerischen Praxis: Bestehende Arbeiten wurden durch die Vorstellung anderer weitergedacht, die daraus entstandenen Texte wiederum zum Ausgangspunkt neuer Werke. Aus einem Kunstwerk wurde ein Text, aus dem Text eine Komposition, eine Performance und schließlich ein neues Objekt.

2019 führte Afif dieses Prinzip mit The Fairytale Recordings weiter. Im Zentrum der Arbeit standen acht Vasen, die eigens in der Porzellan Manufaktur Nymphenburg gefertigt worden waren. Ihnen waren acht Texte aus Afifs Repertoire zugeordnet, die Lili Reynaud-Dewar, Ina Blom, Tacita Dean, Mick Peter und Tom Morton anlässlich früherer Ausstellungen verfasst hatten. Titel wie Ghost, Vice de Forme oder Black Hole verwiesen auf die ursprünglichen Kunstwerke. Der Künstler und Komponist Ari Benjamin Meyers entwickelte aus den Texten Partituren zwischen Sprache, Rezitation und Gesang.

Während der Performance standen die acht Vasen auf Sockeln um eine kreisförmige Bühne. Jede war mit einem Deckel verschlossen, auf dem eine kleine Porzellanfigur die Opernsängerin Katharina Schrade in einer anderen, an das barocke Oratorium erinnernden Pose zeigte. Titel, Datum und Referenznummer der jeweiligen Aufnahme waren am Rand der Deckel festgehalten.

Zu Beginn jedes Stücks nahm ein Assistent den Deckel von einer Vase. Katharina Schrade betrat die Bühne und nahm jene Haltung ein, in der sie als Porzellanfigur auf dem zugehörigen Deckel dargestellt war. Dann begann sie ihre gesungen-gesprochene Rezitation und bewegte sich langsam auf das geöffnete Gefäß zu. Die letzten Verse gab sie unmittelbar in die Vase hinein. Anschließend wurde der Deckel wieder aufgesetzt und das Gefäß verschlossen.

So wurde die Stimme der Sängerin symbolisch im Porzellan bewahrt. Atem, Klang, Sprache und Bewegung, eigentlich flüchtige Elemente einer Performance, erhielten ein dauerhaftes Gefäß. Nach dem Ende der Aufführung blieben die verschlossenen Vasen als Werke zurück: zugleich Skulpturen, imaginäre Tonaufzeichnungen und Behälter eines vergangenen Moments. Der Titel The Fairytale Recordings nahm diese Vorstellung wörtlich. Die Aufzeichnung erfolgte nicht auf einem Tonträger, sondern, wie in einem Märchen, im Inneren des Porzellans.

Seit 2026 befinden sich die acht Vasen im Besitz des Lenbachhauses München.